Multipler Alltag

Wir wollen hier einige unserer Lösungen für Probleme des Multiplen Alltags beschreiben als Anregung für Nachahmungswillige und damit ihr die Hoffnung nicht verliert. Für jedes noch so seltsame Problem kann eine ebenso seltsame Lösung erfunden werden.

Improvisationstalent

Wirwurden lange schlecht mit der Angst fertig uns in der Öffentlichkeitunverzeihlich zu blamieren. Die Erfahrung hat gezeigt dass unsereMitmenschen weit weniger wachsam sind als wir das angenommen haben. Diemeisten Otto-Normal-Menschen sind irgendwie eigen, merkwürdig, seltsamwenn nicht sogar spleenig. Das kennen die Leute nicht anders und denkensich in der Regel nichts dabei. Also versuchen wir damit nun soentspannt wie möglich umzugehen. Da alle Personen im System es nichtanders kennen haben wir unsere Improvisationsfähigkeiten verfeinert.
Wirhaben auch für den Fall dass wir wirklich etwas verwirrt dreinschauenein paar Standard-Sätze zurechtgelegt die Nicht-Multiple nachvollziehenkönnen.
"Was bin ich heute aber auch planlos, ich sollte doch mal weniger spät zu Bett gehen."
"Tut mir leid, können Sie das nochmal wiederholen ich bin in Gedanken schon beim Zahnarzt."



Zeit für alle

Auchbei einem multiplem System gilt dass es nur so stark ist wie seinschwächstes Mitglied. Deshalb lohnt es sich Aufmerksamkeit darauf zurichten ob es jemandem an etwas mangelt. Im Rahmen der Möglichkeiten(finanziell, räumlich, zeitlich) sollte versucht werden den Wünschender einzelnen nachzukommen. Auch wenn das möglicherweise das Gegenteildavon ist was ihr euch vorgestellt habt werdet ihr euch besser fühlenwenn ihr dafür sorgt dass "für jeden" etwas dabei ist. Das kannmöglicherweise bedeuten dass die Kleinen von jetzt an die Pyjamasaussuchen oder dass es eine Sondergenehmigung für Jugendliche gibtinnerhalb der Wohnung Kaugummi kauen zu dürfen.
Wenndie Angst vor Kontrollverlusten nicht mehr so im Vordergrund steht kannman beginnen die alltäglichen Aufgaben aufzuteilen. Meistens gibt eswirklich jemanden dem das Duschen Spaß macht oder das Zähneputzen.Leider konnten wir noch niemanden finden der gerne Fenster putzt.


Ganz wichtig!
Die Kloregel


Der Körper ist weiblich und 32 Jahre alt. Wenn er nicht grade sehr untergewichtig ist weist er weibliche Rundungen auf. Er menstruiert wie es jeder Frauenkörper tut. Das hört sich unspektakulär und wenig problematisch an und kann doch sehr schwierig werden. In diesem Körper wohnen nicht nur erwachsene Frauen sondern auch Kinder beiden Geschlechts sowie Männer. Manche von ihnen haben kein Bewusstsein für den Außenkörper.
Nachdem wir schon ein paar heftige Krisen hatten die dadurch ausgelöst wurden dass ein Kind die Regelblutung und die Schmerzen fehlgedeutet hat und retraumatisiert wurde haben wir die Kloregel aufgestellt. Das heißt wenn es nun mal wieder so weit ist wird das bekanntgemacht und alle Kinder haben Kloverbot. Das heißt wenn ein Kind mal zur Toilette muss ist es angehalten sich einen Erwachsenen zu suchen der stattdessen geht. Wir haben allen Kleinen erklärt wozu diese Regel gut ist und es klappt besser als erwartet.

Eine ähnliche Situation entsteht wenn ein Innenmann beim Außenpinkeln feststellt dass ihm ein wichtiges Körperteil fehlt. Wir hatten schon ein paar sehr schockierte Personen denen es wirklich schlecht ging danach. Deshalb haben wir das Amt der "Klofrau" geschaffen. Es ist ein Amt das von wechselnden Personen (weiblichen Geschlechts) bekleidet wird. Sobald der Körper mal muss und die handelnde Person sich der Toilette nähert wird nachgefragt wer da grade vorne ist und dann entschieden ob es nicht besser wäre eine/n andere/n das machen zu lassen.



Erschaffung von Personen

Alle Imaginationsübungen die mit Inneren Helfern, Weisheit oder ähnlichem arbeiten sind Einladungen dazu, hilfreiche Personen zu erschaffen die das System unterstützen können. Unsere Erfahrung besagt dass Multiple davor oft große Hemmungen haben. Sie haben das Gefühl es sei falsch, absichtlich eine Spaltung herbeizuführen. Dass es sich um eine Spaltung handelt ist für uns eindeutig, die "künstlich" geschaffenen Personen unterscheiden sich in ihrem Person-Sein nicht von den durch Traumata entstandenen Personen. Wenn man den Entstehungsprozess allerdings kontrolliert lassen sich Personen "rufen", "erschaffen", "hervorbitten" die sehr hilfreiche Eigenschaften haben können.

Wir glauben die Scheu davor rührt daher dass immernoch die gängigste Expertenmeinung ist, dass sich die Anzahl der Personen verkleinern muss damit es mit der Gesamtpersönlichkeit bergauf geht. Für uns gesprochen - einige unserer Helferpersonen sind ein Segen und haben uns alle schon vor vielem bewahrt.